Vera Tschechowa: Erbin einer Künstlerdynastie

Von der Kunstakademie Berlin über Hollywood-Sommer bei ihrem Großvater Michael Tschechow bis zur eigenständigen Schauspielerin und Dokumentarfilmerin, ein Porträt einer der letzten großen Vertreterinnen einer legendären Künstlerfamilie.

Porträt der Schauspielerin Vera Tschechowa, fotografiert von Ingeborg Bock-Schroeder, aus dem Archiv der Sammlung Bock-Schroeder
Vera Tschechowa, Porträtaufnahme © Sammlung Bock-Schroeder.

Vera Tschechowa wurde am 22. Juli 1940 in Berlin als Vera Wilhelmowna Rust geboren, Tochter der Schauspielerin und Filmmanagerin Ada Tschechowa und des Arztes Dr. Wilhelm Rust. Sie entstammte einer der bedeutendsten Künstlerfamilien ihrer Zeit: Ihre Großmutter war die gefeierte Ufa-Stummfilmschauspielerin Olga Tschechowa, ihr Großvater der für den Oscar nominierte russisch-amerikanische Schauspieler Michael Tschechow, und der berühmte Schriftsteller Anton Tschechow war ihr Urgroßonkel. Aufgewachsen bei ihrer russisch-deutschen Großmutter, war ihre frühe Kindheit stark vom Zweiten Weltkrieg geprägt.

Ende der vierziger und Anfang der fünfziger Jahre verbrachte sie viel Zeit bei ihrem Großvater Michael Tschechow in Kalifornien und reiste durch die Vereinigten Staaten. Zunächst wollte sie Bühnenbildnerin werden und besuchte die Kunstakademie Berlin, entschied sich dann aber für die Schauspielerei und ließ sich in München bei Ernst Fritz Fürbringer sowie in Berlin bei Marlise Ludwig ausbilden.

Vom Backfisch zur Bundesfilmpreisträgerin

Ihr Kameradebüt hatte Vera Tschechowa Mitte der fünfziger Jahre im Film „Witwer mit fünf Töchtern", ihre erste Hauptrolle folgte 1958 im Kriminalfilm „Das Mädchen mit den Katzenaugen". Im selben Jahr stand sie auch für Vittorio De Sicas „Marietto, Camilla und der liebe Gott" vor der Kamera. 1959 gab sie unter der Regie von Rudolf Noelte und anschließend bei Erwin Piscator an der Freien Volksbühne Berlin ihr Bühnendebüt; weitere Theaterstationen folgten am Deutschen Schauspielhaus Hamburg, bei den Bad Hersfelder Festspielen, am Düsseldorfer Schauspielhaus, am Theater Basel, am Stadttheater Konstanz und am Staatstheater Braunschweig.

1962 erhielt Vera Tschechowa für ihre Rolle in der Heinrich-Böll-Verfilmung „Das Brot der frühen Jahre" den Bundesfilmpreis, ein früher Beweis ihres schauspielerischen Ernstes jenseits ihrer anfänglichen Rollen als schmales, zerbrechliches Mädchen. In ihrem Privatleben hatte sie in dieser Zeit eine kurze Beziehung mit Elvis Presley, später eine Beziehung mit Hartmut Reck, mit dem sie einen Sohn hat.

1958

Erste Hauptrolle im Kriminalfilm „Das Mädchen mit den Katzenaugen".

1962

Bundesfilmpreis für „Das Brot der frühen Jahre".

1967

Heirat mit dem Schauspieler und Regisseur Vadim Glowna.

1977

Goldene Kamera für „Zeit der Empfindsamkeit".

1981

Hauptrolle in Vadim Glownas „Desperado City", ausgezeichnet mit der Caméra d'Or in Cannes.

2024

Vera Tschechowa stirbt am 3. April in Berlin im Alter von 83 Jahren.

Zwischen Kino, Fernsehen und Regie

1966 spielte Vera Tschechowa im Kriminaldrama „In Frankfurt sind die Nächte heiß", 1967 heiratete sie den Schauspieler und Regisseur Vadim Glowna, mit dem sie 1968 gemeinsam in „Liebe und so weiter" vor der Kamera stand. Ihr gemeinsamer Sohn Nikolaus Glowna wurde später ein preisgekrönter Komponist für Film- und Fernsehmusik. Ab Mitte der sechziger Jahre verlagerte sie ihren Schwerpunkt zunehmend auf das Fernsehen, mit Produktionen wie „Verhör am Nachmittag" (1965), „Duell zu dritt" (1971), „Der Illegale. Biografie eines Spions" (1972) und „Erikas Leidenschaften" (1976). Für ihre Rolle im Fernsehdrama „Zeit der Empfindsamkeit" erhielt sie 1977 die Goldene Kamera.

Auch fürs Kino blieb sie aktiv, etwa in der sowjetischen Solschenizyn-Verfilmung „Der erste Kreis" (1972), in „Das Amulett des Todes" (1975) und als weibliche Hauptdarstellerin in Alfred Weidenmanns Verfilmung von Theodor Storms „Der Schimmelreiter" (1978). 1981 führte Vadim Glowna in „Desperado City" Regie, einem Film, der in Cannes mit der Caméra d'Or ausgezeichnet wurde und in dem Vera Tschechowa die Hauptrolle spielte; in den achtziger Jahren gründete das Paar zudem gemeinsam eine Filmproduktionsfirma.

Von der Schauspielerin zur Dokumentarfilmerin

Mit den Jahren wandelte sich Vera Tschechowa zur eigenständigen Charakterdarstellerin und verkörperte zunehmend Frauen mit erstaunlicher innerer Kraft, etwa 1986 als Charlotte in einem Film von Rudolf Thome. Dem Fernsehpublikum blieb sie durch Serien wie „Losberg" (1986) und als Anwältin Julia Gessner in zahlreichen Folgen der beliebten Familienserie „Ein Heim für Tiere" (1987–1991) in Erinnerung. In den neunziger Jahren machte sie sich als Schauspielerin rarer, unter anderem noch im Kinofilm „Liebe auf den ersten Blick" (1991) und in der „Tatort"-Folge „Bauernopfer" (1993) zu sehen.

Als Grund für ihren Wechsel von der etablierten Schauspielkarriere zur Regiearbeit nannte Vera Tschechowa in einem Interview ihre Unzufriedenheit mit den ihr angebotenen Drehbüchern. Fortan trat sie vor allem als Regisseurin filmischer Porträts bekannter Persönlichkeiten aus Politik und Kultur in Erscheinung. Nach einer längeren Pause kehrte sie 2022 noch einmal für einen Dokumentarfilm über den Sänger Rex Gildo vor die Kamera zurück und veröffentlichte im selben Jahr ihre Autobiografie.

Ein Leben, das weiterwirkt

Nach ihrer Ehe mit Vadim Glowna war Vera Tschechowa mit dem Unternehmensberater und Fernsehproduzenten Peter Paschek verheiratet. Sie starb am 3. April 2024 nach kurzer, schwerer Krankheit im Alter von 83 Jahren in ihrer Geburtsstadt Berlin.

Im Bildband Heimatstars zählt Vera Tschechowa zu den Ikonen, deren Porträts Ingeborg Bock-Schroeder über die Jahrzehnte festgehalten hat, das Gesicht einer Künstlerin, die das Erbe einer außergewöhnlichen Familientradition annahm und zugleich einen ganz eigenen Weg zwischen Schauspiel und Regie ging.

Quellen

Die biografischen Angaben in diesem Artikel stützen sich auf folgende öffentlich zugängliche Quellen (Stand: Juli 2026).

HS
Redaktion Heimatstars
Collection Bock-Schroeder
Dieser Beitrag entstand im Rahmen des Heimatstars-Projekts, das die Porträtfotografien von Ingeborg Bock-Schroeder und die Geschichten der von ihr fotografierten Persönlichkeiten dokumentiert. Fragen oder Hinweise zu diesem Artikel? mail@heimatstars.de

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