Titelbilder von Ingeborg Bock-Schroeder
Über 3 Jahrzehnte hinweg fotografierte Ingeborg Bock-Schroeder Titelbilder und Porträtstrecken für Magazine wie Quick, Revue, Gong und Stern. Ein Blick auf die Rolle des Titelbilds in der deutschen Illustriertenkultur der fünfziger, sechziger und siebziger Jahre, jener Epoche, in der ein einziges Foto über den Erfolg eines ganzen Heftes entscheiden konnte.
In den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren entschied ein einziges Bild über den Erfolg eines ganzen Heftes. Fast jede Woche kämpften mehrere große deutsche Illustrierte am Kiosk um dieselbe Käuferschaft, und das Titelbild war dabei die wichtigste Waffe in diesem Wettbewerb. Anders als heute, wo unzählige digitale Kanäle um Aufmerksamkeit ringen, war der Kioskkauf für Millionen westdeutscher Haushalte der zentrale Moment der wöchentlichen Mediennutzung. Wer als Redaktion nicht sofort ins Auge fiel, verlor die Käuferin oder den Käufer noch vor dem Griff ins Zeitschriftenregal.
Wenn die Redaktionen von Quick und Stern in den sechziger, siebziger und achtziger Jahren ein Titelbild brauchten, dem das Publikum vertraute, führte der Weg häufig in das scheunenartige Fotostudio von Ingeborg Bock-Schroeder bei München. Dort entstanden über die Jahrzehnte hinweg jene Porträts, die den Blick einer ganzen Nachkriegsgeneration auf die Gesichter des deutschsprachigen Showgeschäfts prägten, empathisch komponiert, oft mit einem Gespür für den Moment, in dem sich hinter der öffentlichen Rolle die eigentliche Persönlichkeit zeigte.
Diese Seite dient als Wegweiser durch das im Rahmen des Heimatstars-Projekts erschlossene Archiv: Jedes verlinkte Porträt erzählt die Lebensgeschichte einer von Ingeborg Bock-Schroeder fotografierten Persönlichkeit und ordnet die Begegnung mit ihrer Kamera in den größeren Zusammenhang von Karriere und Zeitgeschichte ein.
Der Ullstein-Verlag bringt „Der Stern" als Glanz- und Glamourillustrierte nach dem Konzept von Kurt Zentner heraus, Vorbild für spätere Nachkriegstitel, bevor die Zeitschrift unter nationalsozialistischer Pressezensur wieder eingestellt wird.
Rudolf Augstein gründet in Hannover das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel", im selben Haus, in dem wenig später auch Henri Nannen sein Verlagsbüro bezieht.
Die „Quick" erscheint in München als erste deutsche Nachkriegs-Illustrierte, herausgegeben von Theodor Martens, Diedrich Kenneweg und Hanns Hubmann. Die Startauflage von 110.000 Exemplaren ist binnen Tagen vergriffen.
Henri Nannen bringt in Hannover die erste Ausgabe des „Stern" heraus. Das Titelbild zeigt die dreiundzwanzigjährige Hildegard Knef verträumt im Heu, eines der prägendsten deutschen Nachkriegs-Titelbilder überhaupt.
Mit „Bunte" tritt neben Quick, Stern und Revue ein weiterer großer Titel in den Wettbewerb um Auflage und Coverstars ein, der Markt der Publikumsillustrierten formiert sich.
Mit der einsetzenden Konzentrationsbewegung auf dem westdeutschen Zeitschriftenmarkt verschärft sich der Wettbewerb um wiedererkennbare Titelbilder und exklusive Coverstars weiter.
In der Wirtschaftswunder- und Homestory-Ära löst das fotografische Studioporträt endgültig die grafische Illustration als dominante Titelbild-Form ab. Fotografinnen wie Ingeborg Bock-Schroeder prägen in dieser Zeit mit ihren Porträtaufnahmen das Bild einer ganzen Generation von Schauspiel-, Musik- und Bühnenstars.
Das Titelbild als kulturelles Gedächtnis
Ein Titelbild verkauft nicht nur ein Heft, es stiftet auch Identifikation. In der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft übernahmen die Coverstars von Quick, Stern und Bunte eine Funktion, die weit über reine Prominenz hinausging: Sie boten einer Generation, die den Wiederaufbau und den beginnenden Wohlstand erlebte, Gesichter zum Anschauen, Bewundern und Wiedererkennen, Woche für Woche am Kiosk.
International finden sich vergleichbare Momente, in denen ein einzelnes Titelbild kulturelle Wirkmacht entfaltete, etwa im grünäugigen Blick des afghanischen Flüchtlingsmädchens auf dem National-Geographic-Cover von 1985 oder in Times jährlicher „Person of the Year"-Tradition. Der entscheidende Unterschied der deutschen Nachkriegs-Illustrierten liegt jedoch darin, dass ihre Titelbilder seltener politische Ereignisse dokumentierten als vielmehr eine neue, unpolitische Unterhaltungs- und Freizeitkultur sichtbar machten, jene „Heimatstars", die dem Land nach den Zerstörungen der Kriegsjahre ein neues, leichteres Gesicht gaben.
Dass diese Titelbilder heute wieder Sammlerwert besitzen und in Archiven, Kunstdrucken und Retrospektiven wie dieser gepflegt werden, zeigt, wie sehr sich das Titelbild vom vergänglichen Verkaufsobjekt zum dokumentarischen Kulturgut gewandelt hat.
Heute, im Zeitalter der sozialen Medien, ist die Vorstellung eines einzelnen, wöchentlich neu umkämpften Titelbildes kaum mehr nachvollziehbar. Umso wertvoller sind die erhaltenen Archive jener Fotografinnen und Fotografen, die diese Ära mitgeprägt haben: Sie dokumentieren nicht nur einzelne Karrieren, sondern die visuelle Geschichte einer ganzen Gesellschaft auf dem Weg vom Wiederaufbau zur Konsum- und Freizeitkultur der Bundesrepublik.
Ingeborg Bock-Schroeder im historischen Kontext
Ingeborg Bock-Schroeders Schaffensjahre fallen genau in jene zweite, fotografisch geprägte Phase der deutschen Illustrierten-Geschichte, die in der Tabelle oben mit dem Übergang von der grafischen Illustration zum Studioporträt beschrieben ist. Ihre Aufnahmen für Quick und Stern stehen damit in einer Traditionslinie, die von den ersten Nachkriegsausgaben des Jahres 1948 bis in die Homestory-Kultur der siebziger und achtziger Jahre reicht.
Quellen
Für diesen Beitrag herangezogene und zur Vertiefung empfohlene Quellen.
- Web Wikipedia: „Stern (Zeitschrift)": Gründung, Erstausgabe und Titelbild Hildegard Knef
- Web Wikipedia: „Quick (Zeitschrift)": erste deutsche Nachkriegs-Illustrierte
- Web Wikipedia: „Titelbild": Begriffs- und Gestaltungsgeschichte
- Archiv Deutsche Biographie: „Henri Nannen"
- Studie GRIN-Verlag: „Die Geschichte der Illustrierten Bunte, Quick, Stern und Revue von 1948 bis 1970"