Ruth Leuwerik: Die Königin des Melodramas
Von der zweifach abgelehnten Schauspielschülerin über den Bühnendurchbruch am Hamburger Schauspielhaus bis zum größten weiblichen Filmstar der fünfziger Jahre, ein Porträt der First Lady des deutschen Nachkriegskinos.
Ruth Leuwerik wurde am 23. April 1924 als Ruth Leeuwerik in Essen geboren, als Tochter des Kaufmanns Julius Martin Leeuwerik und dessen Frau Luise. Sie besuchte in Essen das Lyzeum „Viktoriaschule" und nach dem Umzug der Familie nach Münster 1938 das dortige Freiherr-vom-Stein-Gymnasium. Auf Wunsch ihrer Eltern absolvierte sie 1941/42 zunächst eine Höhere Handelsschule und arbeitete anschließend ein Jahr als Stenotypistin beim Verkehrsverein Münster, nahm daneben aber privaten Schauspielunterricht bei Heinz Ladiges. Ihre Liebe zum Schauspiel hatte sie bereits mit zehn Jahren entdeckt, nachdem sie einen Film mit Greta Garbo gesehen hatte.
Zweimal war sie bei einer Berliner Schauspielschule durchgefallen, weil die Kommission der Meinung war, sie habe keine Stimme und zu viele Hemmungen für den Beruf, außerdem sei sie zu klein und zu mager für die jugendliche Liebhaberin. Ihr Vater, ein wohlhabender Kaufmann, konnte es sich leisten, ihr dennoch privaten Schauspielunterricht zu finanzieren, und 1943, trotz der durch den Krieg stark eingeschränkten beruflichen Aussichten, gab sie ihr Bühnendebüt.
Vom Theater zum Kinostar
Von Oktober 1945 bis 1947 war Ruth Leuwerik an den städtischen Bühnen in Münster engagiert, wo sie unter anderem die Maria in Shakespeares „Was ihr wollt", das Gretchen in Goethes Urfaust, die Titelrolle in Jean Anouilhs „Eurydike" und die Recha in Lessings „Nathan der Weise" spielte. Von 1947 bis 1949 folgten Engagements an den Bremer Kammerspielen und den Bühnen der Hansestadt Lübeck mit einem Repertoire, das Stücke von Carlo Goldoni, Jean Giraudoux und Thornton Wilder umfasste. Im Juni 1951 gelang ihr am Deutschen Schauspielhaus Hamburg in Carl Zuckmayers „Der Hauptmann von Köpenick" als krankes Mädchen an der Seite von Werner Krauß der endgültige Durchbruch als Theaterdarstellerin, kurz darauf jedoch gab sie ihre Bühnenkarriere auf, um sich ganz dem Film zu widmen.
1950 wurde sie mit der Ferienkomödie „Dreizehn unter einem Hut" erstmals einem Kinopublikum bekannt; der Erfolg stellte sich fast unmittelbar ein. Zwischen 1950 und 1963 stand Ruth Leuwerik in 28 Filmen vor der Kamera, nahezu alle davon Kassenschlager. Ihre Rollen reichten von Melodramen wie „Die große Versuchung" (1952) und „Geliebte Feindin" (1955) über die Effi Briest in „Rosen im Herbst" (1955) bis zur österreichischen Kaiserin Elisabeth in Helmut Käutners „Ludwig II." (1955).
Bühnendurchbruch am Deutschen Schauspielhaus Hamburg in „Der Hauptmann von Köpenick".
Rollen als Effi Briest und als Kaiserin Elisabeth in „Ludwig II.".
Welterfolg mit „Die Trapp-Familie".
Titelrolle in „Königin Luise".
Rückzug aus dem regelmäßigen Filmgeschäft mit dem Aufkommen des Neuen Deutschen Films.
Ruth Leuwerik stirbt am 12. Januar in München im Alter von 91 Jahren.
Die First Lady des deutschen Nachkriegskinos
Mit „Die Trapp-Familie" (1956) gelang Ruth Leuwerik ein regelrechter Welterfolg, dem Heimatfilm über die österreichische Familie, der später Vorlage für das amerikanische Musical „The Sound of Music" wurde; er soll Berichten zufolge sogar zu den Lieblingsfilmen Mao Tse-tungs gehört haben. 1957 folgte mit „Königin Luise" eine weitere Titelrolle als preußische Königin. Auf der Leinwand bildete sie mit Dieter Borsche eines der beliebtesten „Traumpaare" der fünfziger Jahre, daneben stand sie auch an der Seite von Hannes Messemer, Curd Jürgens und O. W. Fischer vor der Kamera, stets unter der Regie namhafter Regisseure wie Wolfgang Liebeneiner, Robert Siodmak oder Helmut Käutner.
Besonders auffällig war, wie oft sie berufstätige Frauen in nicht-ehelichen Familienverhältnissen verkörperte, etwa 1958/59 bei Robert Siodmak in „Dorothea Angermann" als wegen Mordes vor Gericht stehende Pastorentochter, oder in Liebeneiners „Liebling der Götter" als Schauspielerin Renate Müller sowie in dessen „Taiga" (1958) als Ärztin in einem sibirischen Lager. Nicht nur ihre Rollentypen, sondern auch ihre markante Sprechweise und Darstellungskunst begründeten ihren immensen Erfolg: Zwischen 1949 und 1963 erhielt sie bei den Abstimmungen zum Bambi-Preis die meisten Stimmen unter den deutschsprachigen Schauspielerinnen, insgesamt gewann sie den Bambi fünfmal, und sie zählte zu den bestbezahlten Filmstars der Bundesrepublik.
Ein Leben, das weiterwirkt
Mit dem Aufkommen des Neuen Deutschen Films Anfang der sechziger Jahre zog sich Ruth Leuwerik weitgehend aus dem Filmgeschäft zurück, übernahm jedoch gelegentlich weitere Rollen, etwa 1979 als Konsulin Marta Schwenn im Fernsehmehrteiler „Die Buddenbrooks" und 1983 in der „Derrick"-Folge „Der Täter schickte Blumen" als Vera Baruda. 1983 zog sie sich schließlich ganz aus der Öffentlichkeit zurück. Zu ihrem 70. Geburtstag widmete ihr das Stadtmuseum Münster, zu ihrem 80. Geburtstag 2004 das Filmmuseum Berlin unter dem Titel „Die ideale Frau – Ruth Leuwerik und das Kino der fünfziger Jahre" eine Sonderausstellung, und im April 2024 zeigte das Zeughaus-Kino in Berlin anlässlich ihres 100. Geburtstags eine Filmretrospektive. Ruth Leuwerik starb am 12. Januar 2016 im Alter von 91 Jahren in München.
Im Bildband Heimatstars zählt Ruth Leuwerik zu den Ikonen, deren Porträts Ingeborg Bock-Schroeder über die Jahrzehnte festgehalten hat, das Gesicht einer Schauspielerin, die wie kaum eine andere das Bild der starken, resilienten Frau im deutschen Nachkriegskino prägte.
Quellen
Die biografischen Angaben in diesem Artikel stützen sich auf folgende öffentlich zugängliche Quellen (Stand: Juli 2026).
- LexikonWikipedia (englisch): Ruth Leuwerik
- LexikonDeutsche Biographie: Leuwerik, Ruth
- BiografieFemBio: Ruth Leuwerik
- PorträtPrisma: Ruth Leuwerik
- Porträtsteffi-line.de: Ruth Leuwerik
- FilmografieIMDb: Ruth Leuwerik, Biografie